Psychotherapie mit tauben und schwerhörigen Patient*innen
„Ich habe gemerkt, dass ich als schwerhörige Psychotherapeutin mit Kompetenz in Deutscher Gebärdensprache ein barrierefreies Setting und somit anderen Zugang anbieten kann“
Etwa 80.000 Menschen mit Hörbehinderung gibt es laut Deutschem Gehörlosen Bund (DGB) bundesweit. Dem gegenüber steht nur eine kleine zweistellige Anzahl von Psychotherapeut*innen mit Kenntnissen in der deutschen Gebärdensprache (39 im Jahr 2019). Josephine Tanke ist eine von ihnen – und gleichzeitig selbst an Taubheit grenzend schwerhörig. Seit über zehn Jahren arbeitet sie im Bereich der ambulanten Psychotherapie mit tauben und schwerhörigen Patient*innen vorwiegend in der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Die PKN hat mit ihr für den ersten Teil der neuen Reihe „Die Kammer hat viele Gesichter – Berufsporträts von Psychotherapeut*innen“ über die Belange von Tauben, deren Kultur, Diskriminierungserfahrungen und Barrieren gesprochen, aber auch über ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Berufsverband „Mental Health & Deafness“ (MhDeaf), wo sie sich das Thema Nachwuchsförderung zur Aufgabe gemacht hat.
Eigentlich wollte Josephine Tanke immer Polizistin werden. Weil das aufgrund ihrer Hörschädigung nie eine Option war, entschied sie sich für ein Psychologiestudium, das sie 2003 in Braunschweig begann. „Die Frage, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten, hat mich schon immer sehr beschäftigt“, sagt die gebürtige Potsdamerin. Erste Berührungspunkte mit dem therapeutischen Arbeiten in der Gebärdensprache erlangt sie während eines Praktikums in einer psychiatrischen Klinik mit einer stationären Abteilung für psychisch erkrankte taube und schwerhörige Menschen. Rückblickend habe sie vor allem eines damals nicht losgelassen: „Wie begegnen taube oder schwerhörige Menschen mir selbst als hochgradig Schwerhörige mit DGS-Kompetenz im Vergleich zu hörenden Therapeut*innen? Ich habe schnell gemerkt, dass ich ein barrierefreies Setting und somit einen anderen Zugang anbieten kann.“
Im Jahr 2014 approbiert Josephine Tanke und macht sich, gemeinsam mit einer Kollegin als Praxisgemeinschaft, zunächst in der Kostenerstattung selbständig. Später bekam sie eine Sonderbedarfszulassung für die psychotherapeutische Behandlung von tauben und schwerhörigen Menschen von der KVN Braunschweig. Im vergangenen Jahr bewarb sie sich auf einen halben Kassensitz, welcher ihr zugesprochen wurde, und gab die Sonderbedarfszulassung ab. Die Verhaltenstherapeutin behandelt neben hörenden Patient*innen insbesondere taube und schwerhörige Menschen in der deutschen Gebärdensprache.
Josephine Tanke ist selbst an Taubheit grenzend schwerhörig und seit ihrem vierten Lebensjahr mit Hörgeräten versorgt. „Ich habe alle möglichen Entwicklungsstadien durch, mit allen Höhen und Tiefen und natürlich viel Zeit gehabt, dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ein wichtiger Prozess dabei war die Akzeptanz des eigenen Hörstatus. Mein Verständnis für die Belange von Tauben und Schwerhörigen hilft mir sehr bei der täglichen Arbeit mit meinen Patient*innen.“ Offenheit und Interesse an der Kultur der Gebärdensprachgemeinschaft und deren Sprache seien entscheidende Voraussetzungen für eine gute Therapeut-Patient-Beziehung. „Wie in jeder Kultur gibt es eine bestimmte Gruppe von Menschen, in diesem Fall eine Minderheit, die gemeinsame Erfahrungen haben – eine gemeinsame Geschichte und Sprache, wodurch sich eine Gemeinschaft entwickelt hat. Diese Gemeinschaft ist wertvoll und prägt die Identität. Die Taubheit und die Kommunikation in Gebärdensprache werden als kulturelle Identität wahrgenommen und nicht unbedingt als Behinderung. Manche schwerhörigen Personen entscheiden sich deshalb bewusst gegen das Tragen von Hörgeräten, weil sie sagen: Ich fühle mich wohl in dieser Gemeinschaft. Ich möchte die Gebärdensprache als meine Sprache nutzen und die dazugehörige Identität.“
Zu den gemeinsamen Erfahrungen zählt zum Beispiel Audismus (Anm. d. Red.: die Diskriminierung und Abwertung tauber oder schwerhöriger Menschen durch Hörende) und das Table Dinner Syndrom (Anm. d. Red.: Kommunikationsbarrieren in der hörenden Familie). Darüber hinaus spiele kultursensibles Wissen für eine sichere Diagnosestellung eine wichtige Rolle: „Allein durch dieses Wissen kann ich feststellen, ob es sich um ein pathologisches Verhalten handelt oder nicht. Dadurch verhindere ich, dass Fehldiagnosen gestellt werden.“ Von Depressionen und Angsterkrankungen über Zwänge bis hin zu ADHS oder PTBS seien die Diagnosen ebenso vielfältig. „Laut Peter Hauser, Ph.D. von der Gallaudet Universität liegt der eigentliche Risikofaktor für das psychische Wohlbefinden nicht, wie von vielen oft angenommen, in der Taubheit. Vielmehr erschwert der internalisierte Audismus die Ausbildung von Resilienz und die Entwicklung von Strategien für den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen. Ein weiterer Risikofaktor für das psychische Wohlbefinden ist der oft fehlende Zugang zu Informationen. Gemäß wissenschaftlicher Untersuchungen erleben taube Menschen zweimal häufiger traumatische Erfahrungen als hörende (Hall et al., 2023; Anderson & Leigh 2011). Die häufigste genannte Form traumatischer Erfahrung sind Misshandlung bei tauben und schwerhörigen Kindern (Vernachlässigung, psychischer/emotionaler, körperlicher oder sexueller Gewalt). Entsprechend einer Studie von Anderson et al. (2016) gibt es Ereignisse, die spezifisch sind für DGS-orientierte Taubengemeinschaft: körperliche/verbale Bestrafung aufgrund des Gebrauchs von Gebärdensprache, keine Verfügbarkeit von Dolmetscher*innen beziehungsweise kein Kommunikationszugang in der Schule, kein Kommunikationszugang im Krankenhaus, keine Kommunikation mit den hörenden Eltern, Miterleben der elterlichen Trauer aufgrund der Diagnose „taub“ und Unterbringung in einem Internat in sehr jungen Jahren“, so Tanke.
In ihrem sozialen Lebensumfeld sind taube und schwerhörige Menschen häufig mit diversen Kommunikationsbarrieren konfrontiert – sei es am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der Partnerschaft. Weitere Barrieren warten bei der Suche nach und dem Zugang zu passenden Hilfsangeboten auf die tauben und schwerhörigen Patient*innen. Das betrachtet Josephine Tanke mit großer Sorge und sieht hier deutliches Verbesserungspotential: „Wenn ich einen hörenden Patienten in der Sprechstunde habe, kann ich ihm oder ihr eine Beratungsstelle nennen, wo er oder sie anrufen und einen Termin machen kann. Ich kann eine DiGA-Verordnung mitgeben und ich kann andere mögliche Kontaktadressen mitgeben. Bei einer tauben oder schwerhörigen Person muss ich ganz anders vorgehen. Es gibt keine barrierefreien Beratungsstellen, ich gebe die Adressen für diese aber trotzdem. Die Person steht dann leider direkt vor der Herausforderung, wer die Dolmetscherkosten übernimmt, wann ein Termin und wann ein*e Dolmetscher*in frei ist. Der Zugang zu Hilfsangeboten und der Aufbau eines Netzwerks ist enorm erschwert.“ Die Psychotherapeutin berichtet beispielhaft von einem Fall einer gehörlosen Patientin, für die sie nach einer Tagesklinik gesucht hat: „Letztendlich wurde mir gesagt, dass kein*e Dolmetscher*in in die Gruppentherapie gesetzt werden kann, weil sich andere Patient*innen dadurch gestört fühlen könnten. Die Alternative ist dann, dass ich die Patientin in eine weit entfernte Klinik für einen stationären Aufenthalt in DGS schicken muss (Anm.d.Red.: es gibt deutschlandweit zwei Kliniken mit einer stationären psychiatrischen Abteilung mit DGS-Kompetenz für taube und schwerhörige Patient*innen), obwohl sie wohnortnah eine Behandlung bekommen könnte, wenn sie hörend wäre. Das ist die Realität.“
Grundsätzlich fehle es im Gesundheitsbereich an barrierefreier Prävention, dazu gehören beispielsweise Aufklärungsangebote in leichter Sprache oder in Form von Gebärdensprachvideos. Josephine Tanke würde sich wünschen, dass der barrierefreie Zugang in den Beratungsstellen besser ausgebaut wird, damit taube und schwerhörige Patient*innen schneller niedrigschwellige Hilfe erhalten können. „Es wäre schon ein großer Schritt getan, wenn Dolmetscher*innen leichter zur Verfügung gestellt werden könnten, ohne, dass sich die Patient*innen darum selbst kümmern und selbst die Kosten für die Dolmetsch*innen tragen müssen. Aber dafür bräuchte es ganz klar mehr Dolmetscher*innen. Zudem müsste die deutsche Gebärdensprache für alle früher zugänglich gemacht werden, am besten bereits in der Schule als Unterrichtsfach oder im Kindergarten – in anderen Ländern lernen die Kinder schon im Kindergarten das Fingeralphabet. Das Thema Inklusion allgemein muss an Regelschulen stärker gefördert werden.“
Neben ihrer täglichen Arbeit ist Josephine Tanke ehrenamtlich im Berufsverband „Mental Health and Deafness“ tätig, wo sie die Nachwuchsförderung voranbringt. Denn auch einige gebärdensprachkompetente Kolleg*innen werden in den kommenden Jahren in Rente gehen. Die Nachwuchsarbeit sei herausfordernd und mit viel Aufklärungsarbeit verbunden. Positiv sei es daher, dass zum einen die Vermittlung von Kompetenzen für die psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit Behinderung in der neuen Weiterbildungsordnung verankert ist. Ein Lichtblick für Josephine Tanke: „Das Wissen ist da und es wäre toll, dieses Wissen zu sammeln und zu vernetzen. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Klar muss sein: Nicht ohne uns über uns.“
Interview & Text: Gina Briehl